Donnerstag, 1. August 2019

Max ERNST / Kunst und Können / Was ist Kunst?

Max ERNST: Der Hausengel - oder- Der Triumph des Surrealismus (1937)

Am 30.10.1912 wurde in der Zeitung Volksmund in Bonn ein Artikel von Max ERNST mit dem Titel KUNST und KÖNNEN veröffentlicht:

"Alle verstehen sie was von Kunst: der Philologe, der Theologe, der Kritiker, der Jurist, der Kommis, der Kunsthistoriker und der Herr Bürgermeister.
Alle haben ja »ihren« Geschmack. Bitte, meine Herren, Kunst hat mit Geschmack nichts zu tun, Kunst ist nicht da, dass man sie »schmecke«. Aber ein Herr Bürgermeister meint, Kunst wäre da, dass man sie »beurteile«, die moderne Kunst, dass man sie »vom geschäftlichen Standpunkt beurteile«. Dass ein so origineller Gedanke dem Hirn eines Bürgermeisters entspringen kann! Was der Bürgermeister will, das tun die Kritiker der großen und kleinen Tageszeitungen. Sie wollen Kunst beurteilen. Das ist sehr bequem, denn ein Urteil kann noch so falsch sein, man braucht es nie zu dementieren. Die Kunstrichter sprechen von dem »Können«, sie klagen, dass dieses Können den »Jungen« ganz verloren gegangen sei. Manchmal sind diese Klagen sogar ernst gemeint. Aber, meine Herren, wissen Sie denn auch, was das ist, das Können? Nein, das wissen Sie nicht, Sie glauben, Können hieße richtig zeichnen und malen können, so wie es ein photographischer Apparat es nach der Erfindung der Farbenphotographie auch »kann«. Die Nase darf nicht zu lang und das Bein nicht zu kurz sein. Das ist die »solide Grundlage«, man holt sie auf den Kunstakademien und ist ein tüchtiger - Handwerker. Können heißt Gestaltenkönnen. Können setzt voraus, dass man das innere Leben der Linie und der Farbe empfinden kann. (Linie und Farbe auch losgelöst vom Gegenstand. Absolute Malerei im Sinne der absoluten Musik.) Können setzt voraus, dass man Ergebnisse hat. Dem Künstler können die alltäglichsten und die seltensten Dinge zum Erlebnis werden, ein Farbenklang, eine Linienverschlingung.
Dieses neue Können setzt voraus, dass auch das Publikum und vor allen Dingen der Kritiker etwas »kann«. Der Kritiker muss in der Form, die der Künstler gestaltet hat, das Erlebnis wiedererkennen, wiedererleben können. Wenn er obendrein über das, was er von einem Kunstwerk erlebt hat, sich sprachlich klar ausdrücken kann, dann hat er das Recht, über Kunst zu schreiben. Vielleicht sogar, über Kunst zu urteilen. Der Kritiker muss noch eines können: seinen Dünkel aufgeben, die Ansicht, er dürfe die Künstler bevormunden, ihnen Ratschläge geben, wie sie es besser machen sollen. Aber, meine Herren Kunstrichter, Sie können nichts."



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