Donnerstag, 17. September 2020

Segelfliegen / FSG Letzenberg-Malsch


Traum meiner Kindheit:
Flügel haben, die mich tragen
Lüfte spüren, die mich heben
Wolken sehen, die mich grüßen
Adler sein in den Bergen
lautlos kreisen
alles sehen
ganz allein


An jenem Morgen im November 2019 wusste ich noch nicht, dass ich wenige Stunden später zum ersten Mal Mitglied eines Vereins, eines Segelflugvereins, sein würde.
Es war ein Sonntag mit einem unserer üblichen Spaziergänge am Rande des Kraichgaus. Wir gingen wie immer den uns bekannten Weg.
Und ich konnte mir damals noch nicht vorstellen, dass man bei Spaziergängen, die man häufig wiederholt und sehr genau zu kennen glaubt, ganz leicht, durch einfaches Abbiegen nach links statt nach rechts, so viel Neues erleben und so viele neue Erfahrungen  machen kann. 


Eigentlich ist es ja ganz normal, jedes Kind kann das verstehen, dass eine Änderung der Richtung Neues bringt! Auch ich weiß das natürlich, aber ich hatte es noch nie so eindrücklich an mir selbst erlebt. 
Der Weg nach rechts war der alt bekannte Spazierweg, der Weg nach links führte vorbei am Ende einer für Segelflugzeuge zugehörigen Landebahn und ich konnte die leicht abfallende Piste, noch ganz leer, vereinsamt am frühen Morgen, vor mir liegen sehen. Irgendwie muss mich dieser Anblick tief im Inneren berührt haben.

Start- und Landebahn des Flugplatzes der FSG Letzenberg-Malsch

Noch höre ich meine Worte: "gehen wir mal zum Hangar und der Fliegerklause", die in ca. einem Kilometer Entfernung zu sehen waren.
Und dann ging alles in Sekunden schnell.
Ein Blick auf die eleganten, glänzenden Segelflugflächen in Reparatur, ein Handschlag, und schon war die Mitgliedschaft im Verein der FSG-Malsch beschlossen. 


Noch heute heißt es, das sei von mir "geplant" gewesen, so war es aber nicht.




Jedoch gibt es eine einleuchtende Vorgeschichte, denn vor über 50 Jahren bin ich bereits Segelflieger geflogen, auch schon allein mit Windenstart und Flugschleppstart, vor allem in der Nähe von St. Martin de Londre in Frankreich, am Pic St. Loup, aber das war lange her und noch ohne große technische Raffinessen wie etwa Funkverbindung oder Flarm. 

iii
Pic St. Loup bei St. Martin de Londre

Ich war also an jenem Sonntag wieder ein Anfänger.
Eine Woche nach dieser ersten Begegnung  bei der FSG-Malsch begann zufällig der im Zweijahres-Rhythmus angebotene Theorieunterricht für den Segelflugschein, den ich früher noch nicht gemacht hatte. 

Die Dimona der FSG

Dieser Unterricht, jeden Samstag, zusammen mit einem Dutzend junger Schüler und einer Schülerin, war ein Genuss. Wieder in der Schule zu sitzen und einen Unterricht zu genießen, dessen Dynamik, auch Dank des engagierten Lehrers, in vielen Momenten hätte filmreif sein können, hat mir eine Riesenfreude bereitet. 


Die gesetzliche Vorprüfung für die Zulassung zur staatlichen Prüfung musste wegen der Corona-Situation verschoben werden, aber schließlich habe ich auch diese fünf Stunden mit vielen multiple Choice Fragen bestanden.

Kürzlich war meine erste Seilrissprüfung, hier ist sogar im Video zu sehen.



Für den ersten Alleinflug sind mindestens 45 Starts mit Fluglehrer und 10 Stunden Flugzeit vorgeschrieben, aber das gilt wahrscheinlich nur für Naturtalente. Die erforderlichen Starts und die Flugzeit habe ich bald erreicht und ich brenne nun auf meinen ersten Alleinflug. 
Daran anschließend darf von allen Anwesenden rituell “gebatscht“ (mit einem Klaps auf den Po viel Glück und sichere Landungen gewünscht) und standesgemäß begossen werden.

Segelflugeindrücke über Malsch und dem Letzenberg.

Jedes Jahr findet ein Fluglager statt, es ist immer ein besonderes Ereignis für den ganzen Verein und v.a. auch für die Flugschüler, die, soweit es das Wetter erlaubt, jeden Tag Flug- und Landeübungen machen können.
Ein für mich herzerwärmende, sehr eindrucksvolle Erinnerung ist ein mit Musik unterlegtes Video von Philipp Bender von unserem Verein, das ich mit seiner freundlichen Erlaubnis veröffentlichen darf. Es lohnt sich, sich diese knapp vier Minuten anzusehen.

Segelflugeindrücke über Reutte und Umgebung.

Es ist ein Traum, frei wie ein Vogel, begleitet allein von Windgeräuschen, durch die Luft zu gleiten und nur mit Hilfe von Aufwinden, wie von magischer Hand gehalten, in der Luft zu schweben. 
Wenn die Technik der praktischen Steuerung in Fleisch und Blut übergegangen ist, wird es dann zur Kunst, in der Luft zu bleiben.
Man muss die Wolken "lesen" können, manchmal helfen die Störche, die sogar den Winter über in Malsch bleiben und die auch das Spiel mit den Winden genießen und einen Thermikbart anzeigen können; sie sind so elegant in ihrem Gleitflug, besonders im Paarflug, anzusehen. Sie wirken auf mich wie lebendige Segelflieger.

In der Luft habe ich das Gefühl, dass meine Seele fliegt, und ich glaube, das ist letztlich das Entscheidende an meiner Begeisterung für diesen Sport.

Am Boden sind es die Menschen, junge und ältere, mit ihren verschiedenen Biografien; man kommt sich näher und sitzt nach der abendlichen Reinigung der Flugzeuge und deren Einhallen noch beisammen.
Dieses Einhallen fühlt sich manchmal an wie TETRIS mit Segelflugzeugen.


Die Flugsportgemeinschaft Malsch bietet ein besonderes Gefühl der Zusammengehörigkeit und Nähe, der Herzlichkeit, großer Gelassenheit und ist vor allem nicht vom effizienzorientierten Stress manch anderer Flugsportvereine geprägt.

Während andere fliegen... erholt sich das Bodenpersonal.

Die FSG-Malsch bietet vor allem jungen Menschen die große Gelegenheit, Kameradschaft und Teamgeist zu spüren, zu wissen, sich auf andere verlassen zu können und zu lernen, wie wichtig gegenseitige Hilfe und Vertrauen sind.


Und um noch mit einem mir oft zu Ohren gekommenen Vorurteil aufzuräumen: der Segelflugsport gehört nicht zu den teuren Sportarten und man kann die Segelflugausbildung sogar schon im Alter von 14 beginnen und darf dann mit 16 Jahren allein fliegen. Als Vereinsmitglied beträgt der Jahresbeitrag ca. 250 € und ein Windenstart kostet nur fünf Euro. Interessierte Besucher, die einen Gastflug erleben möchten, sind immer willkommen.  
 
Ein Erlebnis ist auf jeden Fall das jährliche Flugplatzfest im Sommer mit zünftiger Kost, Musik und faszinierender Flugschau. 
Lasst Euch in den Bann ziehen und begeistern; vielleicht beginnt auch der oder die andere für das Segelfliegen zu "brennen".

Segelfliegen in Letzenberg-Malsch

Malsch, Grasweg, 69254 Malsch





Diese letzten 4 Aufnahmen von meinem Flug wurden von Linus Villringer gemacht.

Kommentare:

  1. Ich kann mich noch erinnern als Achim damals am Flugplatz war, und interessiert das ganze "Treiben" angeschaut hat.
    Ich habe gefragt ob man helfen kann, und er mich dann gefragt hat was man braucht um selber fliegen zu können ?
    Als Gesichtsältester in der Truppe nahm er wohl an, daß ich da mich am besten auskenne.
    Meine knappe Antwort war: Gesundheit d.h. ein positives Medical von einem Fliegerarzt und Zeit.
    Er meinte er sei gesund und ob das in seinem Alter auch noch möglich wäre ?
    Nach der Frage wie "jung" er sei meinte ich, daß er hier kein Flugschüler werden könne, da ich ja dann nicht mehr der älteste Flugschüler (69) gewesen sei, der hier im Verein den Flugschein gemacht hat. Ich habe 1 Jahr zuvor meinen Flugschein erworben. Er hat das auch gleich richtig verstanden und hat wohl gemerkt, daß es da locker und spaßig zugeht. Nach etwas "Small-Talk" hat er sich dann wohl entschieden das "Wagnis" auf sich zu nehmen und ist z.Zt. der älteste Flugschüler und es gefällt ihm bei uns.

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  2. Danke Alois! Danke für Deine freundlichen Worte, Deine unermüdliche Hilfsbereitschaft und Unterstützung und nicht zuletzt, Dein heiteres Wesen, das uns alle oft zum Lachen bringt.
    Ich glaube, das Herz unseres Vereines schlägt ganz in Deiner Nähe.

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